Pflegeeltern werden: Sind die qualitativen Voraussetzungen hoch genug?

Wenn Kinder durch das Jugendamt in Obhut genommen werden kommen sie entweder in stationäre Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen oder zu Pflegeeltern. Pflegeeltern werden händeringend gesucht (teilweise über fragwürdige Wege, wie zum Beispiel über Anzeigen in der Zeitung im Bereich der Stellenanzeigen). In diesem Beitrag möchten wir uns mit dem Bewerbungsprozess und den Voraussetzungen auseinandersetzen, die einen laut Jugendamt zur geeigneten Pflegestelle qualifizieren. Vorab jedes Jugendamt setzt seine eigenen Standards fest und somit können die Voraussetzungen zum Teil stark variieren. Das liegt an der kommunalen Selbsterverwaltung der Jugendämter, die wir nach wie vor scharf kritisieren.


Wir zeigen euch anhand eines Fallbeispiels aus Wuppertal, welche Voraussetzungen erfüllt werden müssen und wie der Bewerbungsprozess abläuft. Im zweiten Teil nehmen wir zu einzelnen Punkten Stellung und ziehen abschließend ein Fazit.


Die Basis bildet §33 SGB VIII, so heißt es hier und §33 Vollzeitpflege 8. Sozialgesetzbuch:


Hilfe zur Erziehung in Vollzeitpflege soll entsprechend dem Alter und Entwicklungsstand des Kindes oder des Jugendlichen und seinen persönlichen Bindungen sowie den Möglichkeiten der Verbesserung der Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie Kindern und Jugendlichen in einer anderen Familie eine zeitlich befristete Erziehungshilfe oder eine auf Dauer angelegte Lebensform bieten. Für besonders entwicklungsbeeinträchtigte Kinder und Jugendliche sind geeignete Formen der Familienpflege zu schaffen und auszubauen.


Von unserem Beispielpaar haben wir folgende Voraussetzungen genannt bekommen:


- Bewerberbögen mit allgemeinen persönlichen Daten

- Lebensberichte beider Partner mit insgesamt 25 Fragen über die Kindheit, Pubertät, Schul- und Berufsausbildung & Berufstätigkeit, Partnerschaft & Familie, Freizeitgestaltung und Hobbies

- erweitertes Führungszeugnis

- Schufa Auskunft

- Arbeitsvertrag/Arbeitsverträge inklusive Lohnabrechnungen

- Absolvierung von diversen Tests beim Gesundheitsamt (Hörtest, Sehtest..)

Blutabnahme zur Überprüfung von Alkohol- und Drogenkonsum

- diverse weitere Fragebögen

- ein Gespräch mit einem Psychologen beim Gesundheitsamt

- Vorlage eines gültigen Erste Hilfe Kurses / Absolvierung eines Erste Hilfe Kurses


Des Weiteren fanden vorab Hausbesuche statt, bei denen das Paar mit Mitarbeitern des Jugendamtes persönliche Gespräche geführt haben und sich die Mitarbeiter ein Bild von der wohnlichen Situation des Paares gemacht hat.


Die Voraussetzungen sind auf den ersten Blick recht zahlreich, aber wenig aussagekräftig über die persönliche Eignung als Pflegeeltern, denn bspw. reicht ein Gespräch mit einem Psychologen unserer Auffassung nach nicht aus, um ein angemessenes Bild von den jeweiligen Bewerbern zu bekommen.

Schulungen / Fortbildungen sind wohl bei unserer Beispielfamilie im Gespräch - werden aber nicht vorab besucht und sind keine Voraussetzung für die Prüfung.


Die Hürden um bspw. Erzieher zu werden sind ähnlich hoch, allerdings erstreckt sich die Ausbildung, je nach Ausbildungsgang, auf drei bzw. Jahre mit unzähligen Theorie- und Praxisstunden und Zwischen- bzw. Abschlussprüfungen. Ein Erzieher bekommt während der Ausbildung und zu Beginn seines Berufslebens weniger Geld, als Pflegeeltern, die in der Regel jenseits des oben skizzierten Ablaufs als Pflegeeltern agieren dürfen.


Pflegeeltern nach Paragraph 33 SGB VIII bekommen Pflegegeld plus Kindergeld und erhalten zudem noch weitere finanzielle und beratende Unterstützungen durch das Jugendamt. Sie müssen zwar an Hilfeplangesprächen mitwirken und haben weitere Verpflichtungen, aber unterm Strich nehmen dem Kind fremde Menschen für Geld ein Kind / mehrere Kinder auf. Sie werden sozusagen für die Betreuung von zum Teil schwer traumatisierten Kindern (auch eine Inobhutnahme kann ein seelisches Trauma auslösen) bezahlt und üben einen "Job" als Pflegeeltern aus - ohne, dass sichergestellt ist, ob sie überhaupt die nötigen Qualifikationen dafür mitbringen,

Ein weiterer Aspekt ist, dass Pflegeeltern deutlich mehr Unterstützung - sowohl beratende, als auch finanzielle - bekommen, als "normale" Eltern. Aber warum?

Pflegeeltern müssen anscheineind nicht allzu viel vorweisen - außer stabile finanzielle Verhältnisse, ein leeres Führungszeugnis und weitere niederschwellige Tests, wie man sie auch vom Führerschein machen kennt (Sehtest und Erste Hilfe Kurs)!


Deswegen fragen wir uns konkret...


Wo ist der wirkliche qualitative Unterschied zwischen Pflegeeltern und Kindeseltern?

Woran macht man fest, ob Pflegeeltern geeignet sind oder nicht - am Bankkonto?

Welche Gründe gibt es, dass die Pflegeeltern in der Regel ein Pflegegeld in vierstelliger Höhe bekommen?


Wir finden es richtig & wichtig, dass es Menschen gibt, die Pflegekinder aufnehmen wollen, denn was kann dem Kind besseres passieren, als nach einer (berechtigten!) Inobhutnahme in eine liebevolle und fürsorgliche Pflegefamilie zu kommen? Besser als jedes Heim / jede Wohngruppe.


Es ist dennoch unabdingbar, dass allgemeingültige Qualitätsstandards und Vorraussetzungen erarbeitet und festgelegt werden. Die qualitative Eignung muss festgestellt werden können durch intensive Schulungen / Fortbildungen / Begutachtungen und zwar VOR der Tätigkeit der Pflegeeltern.

Man darf die Kinder aus Kostengründen (Pflegefamilien kosten nur ein Bruchteil, wie stationäre Plätze in der Kinder- und Jugendhilfe) nicht leichtfertig einer weiteren möglichen Gefahrensituation aussetzen.

KONTAKT

ADRESSE

TELEFON

Kinderseelenschützer e. V.
Postfach 10 06 02
44706 Bochum

0234 95801433

0177 6947582

E-MAIL

© 2020 Kinderseelenschützer e. V.